Zwischen Imagination und Realität.

Koordinatensysteme und Orientierungsprobleme: Raum- und Zeitstrukturen in den Arbeiten von Katrin Ströbel

Die Prägung unserer Bilderwelt durch die Koordinaten von Raum und Zeit ist schon öfter untersucht worden. Ihre Veränderungen, ihre ästhetischen Torsionen verweisen auf Wahrnehmungsveränderungen, auf Änderungen unserer ,Perspektive'. Gerade am Beginn des 20. Jahrhunderts setzten sich viele Künstler mit den neuen Theorien zu Zeit und Raum auseinander wie z. B. Marcel Duchamp u. a. mit jenen des Mathematikers Jules Henri Poincaré zur Relativität des Raumes. Die künstlerischen Auseinandersetzungen mit den beiden Koordinaten sind vielfältig und aktueller denn je. Die Arbeiten Katrin Ströbels sind ein künstlerischer Beitrag, der diese Koordinaten sowohl als faktische, als soziale, wie auch als imaginäre Struktur analysiert und ästhetisch umsetzt.

Dabei ist die Grundlage für die Arbeiten oft ein bestimmter Ort: von einer Stadt als Makrokosmos bis zu einer Skulpturengruppe als Mikrokosmos einer räumlichen Struktur. Die Analyse und künstlerische Verarbeitung der Strukturen führt auch zu gezeichneten Strukturen an der Wand, zu Strukturgebilden als Diaprojektion oder zur Fotoinstallation.

Ihre Arbeiten verweigern den eindeutig zentralperspektivischen Bildraum - sowohl in den Zeichnungen, als auch in den Installationen oder den Videos. Formal changieren sie zwischen dem Zwei- und Dreidimensionalen, zwischen lesbaren und nicht decodierbaren Zeichen. Die Untersuchung der Perspektive und der Raumwahrnehmung findet in unterschiedlichen Methoden statt: wenn sie Einzelzeichnungen Stoß an Stoß hängt und Linien sich über die Papiergrenzen hinweg weiterziehen, andere aber abrupt abbrechen, wenn sich an die Wand gezeichnete oder projizierte Netzstrukturen über Raumecken ziehen und die Anmutung einer Dreidimensionalität bekommen, wenn sich in den Videos zum zeitlichen Aspekt des sich bewegenden Bildes auch der akustische Raum gesellt.

Katrin Ströbel transformiert gegebene Realstrukturen in neue ästhetische Strukturgebilde. Diese changieren zwischen pflanzlichen Gebilden, typographisch verzerrten Textfragmenten und architektonischen wie topographischen Grundrissen. Wir sind auch konfrontiert mit unterschiedlichen Ebenen von Sprache, die sich als lesbare Buchstabenkombination, als entzifferbare Zeichen oder auch als visueller Code zeigt, der nicht decodiert werden kann, wie in den ornamentalen Strukturen der "flying carpets".

Neben der formalen Raum- und Strukturanalyse lässt der fliegende Teppich aber auch an die Überwindung von Zeit und Raum denken, die uns in den Märchen aus dem Orient in Sekundenschnelle von einem Land ins andere bringt. In Ströbels künstlerischer Handschrift erweist er sich aber in merkwürdigen Verzerrungen auch als in sich konterkarierende Metapher für die Wunschwelten und Realitäten der Migrationsreisenden, eines Faktums unserer Gegenwart.

Der Flug, in dem man die Erdenschwere hinter sich lässt, ist trotz der technologischen Fortschritte nicht ausgeträumt. Weiterhin gilt, was Nietzsche imaginiert hat: " - so aber spricht Vogel-Weisheit: ,Siehe, es gibt kein Oben, kein Unten! Wirf dich umher, hinaus, zurück, du leichter! Singe! Sprich nicht mehr!" Der Mensch kann sich erst nach einem Verwandlungsprozess in einen Vogel erheben und um den Preis der Aufgabe der Sprache (als kulturelles Kennzeichen des Menschen).

"Wenn ich ein Vöglein wär..." - so beginnt ein deutsches melancholisches Volkslied, das vom Wunsch und gleichzeitig von der Unmöglichkeit spricht, sich in einen Vogel zu verwandeln. Es ist auch der Titel einer der Videoarbeiten von Katrin Ströbel. Der unmögliche Traum vom Fliegen in Form von Luftballons verfängt sich quasi in den Realitätsstrukturen der Baumäste. Die Märchen- und Geschichtenerzähler, die Poeten und Liederschreiber sprechen und singen von der Überwindung von Zeit und Raum. Und so belässt es die Künstlerin bei vielen ihrer Videos nicht beim reinen Bild. Das deutsche Volkslied wird von einer Männerstimme (deutlich hörbar eine der deutschen Sprache nicht mächtigen Person) gesungen. Hier wird offenbar, dass es nicht nur um die Überwindung der topographischen Räume und der Thematisierung der faktischen Raumstrukturen geht, sondern auch um die Grenzverwischungen der sozialen und kulturellen. Der poetische Wechsel von der räumlichen Beschränkung auf der Erde zur ,Unendlichkeit' des Luftraums hat seine Entsprechung in den merkwürdig abstrakten Bildern von Menschen und ihren Überquerungsversuchen des Meeres in einem weiteren Video. Die Tonspur mit arabischen Liedern prononciert die Ambivalenz zwischen Orientsehnsucht und Migrationsrealität. Hier zeigt sich wieder das Interesse der Künstlerin an fremden Kulturen, aber auch an den sozialen Realitäten, die sie in poetische Bilder der Nicht-Verortung kleidet.
Die Kunst des 20. Jahrhunderts hat die gesprochene Sprache in die bildende Kunst eingeführt und in den Avantgarden am Beginn des Jahrhunderts zunächst nach dem vor-logischen Zustand und seinem sprachlichen Ausdruck gesucht. Dadaisten und russische Poetengruppen fanden sie in der Kindersprache. Mit der gesprochenen Sprache tritt die Lautmelodie und der Sprechduktus in die bildende Kunst ein. In Ströbels Videoarbeiten sind sie ein wesentlicher Teil des Werks.

So wie ein Junge in einer ihrer Videoarbeiten über seine Mondfahrt spricht, erzählt das Kind Rita in dem gleichnamigen Video über ein Land, in dem es verzauberte Blumen gibt und fremd aussehende Tiere, viel Geld und viel Gold, aber auch Roboter, die sich nützlich machen für die Menschen in diesem Land. Alte wiederkehrende Topoi der Märchen kommen ebenso vor wie die fast schon Realität gewordenen Technologievisionen. Vergangenheit und Zukunft, die sich immer in der Wunderwelt der Geschichten und Erzählungen die Hand reichten, werden auch im imaginierten Land eines Kindes zusammengeführt. Der vorbeiziehende Wald des Videobildes erinnert in seiner schwarz-weißen Unschärfe sowohl an Wälder der Märchen, in denen sich geheimnisvolle, schreckliche und wunderbare Begebenheiten abspielen wie auch an den Blick durch Auto-, Bus- oder Zugfenster, wenn wir auf Reisen sind.

So lässt die Verbindung von Bild und Text Traum und Realität verschmelzen und in einem Schwebezustand des Uneindeutigen verharren, in einem Schwebezustand zwischen den Räumen, der die Werke von Katrin Ströbel grundsätzlich prägt.

Dr. Eleonora Louis (1958-2009) war Kuratorin und Leiterin der Sammlung des Museums der Moderne in Salzburg

Text veröffentlicht in: Life should be stereo, 2005

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